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Ein erfüllender Beruf wie die Pflege kann unter ungünstigen Bedingungen in Stress, Verhärtung und Burnout umschlagen. Mit seiner Resonanztheorie hat der Soziologe Hartmut Rosa eine Perspektive für gesündere Beziehungen zur Welt entworfen. Die Medizinpädagogin Diane Kohn knüpft daran an und zeigt, wie Augenblicke der Resonanz im Pflegealltag als Erfahrung von Selbstwirksamkeit die Motivation fördern können.
28.800 Sekunden, das sind acht Arbeitsstunden. Es sind auch 28.800 Gelegenheiten, Zeit in ein Lächeln zu verwandeln, in eine Berührung, in ein freundliches Wort. Vivienne Berger*, Altenpflegerin in einer Einrichtung in Kaiserslautern, bringt es auf den Punkt: „Es geht um das Innehalten in meiner Routine, gerade wenn ich unter Zeitdruck bin. Es sind nur ein paar Sekunden, die dem Bewohner aber zeigen, dass ich als Mensch bei ihm bin, nicht nur als Pflegeperson.“ Erfahrene Fachkräfte in der Pflege wissen, wie unschätzbar wichtig diese Momente sind, sie steigern die Qualität der Beziehung zu dem Menschen, der auf Zuwendung, Hilfe und Betreuung angewiesen ist. Umgekehrt bereichern sie auch die Pflegenden. Die österreichische Pflegeberaterin und Trainerin Sonja Schiff bringt es in ihrem Buch „Magische Momente in der Altenpflege“ so auf den Punkt: „Magische Momente haben auf die Pflegearbeit motivierende Wirkung, sie sind Ausdruck erlebter Sinnstiftung und schaffen jene Energie, um in diesem herausfordernden Beruf durchzuhalten.“
Augenblicke mit Nachwirkung
Als magische oder auch Mikro-Momente werden diese kleinen Zäsuren im Alltag oft bezeichnet. Es sind nur Augenblicke – vergänglich, aber doch mit Nachwirkung. „Ein aufmerksamer wacher Augenkontakt kann ein Türöffner sein“, erzählt Vivienne Berger, „oder dass ich nicht schnell und floskelhaft antworte, sondern erst in mir nachklingen lasse, was mir ein Bewohner eigentlich sagen möchte.“ Dass solche Mikro-Momente wirkungsvoll sind und keine gutherzigen Hirngespinste, belegen Interviews mit Pflegenden, wie die von Sonja Schiff, und Arbeiten, wie die von Diane Kohn, Lehrerin an der Health Care Academy in Hamburg. Sie hat für ihre 2024 vorgelegte Masterarbeit „Resonanz in der Pflege“ untersucht, wie Pflegefachpersonen Resonanz und Entfremdung im Sinne der Resonanztheorie von Hartmut Rosa erleben.
Manchmal genügt ein Lächeln, um Resonanz entstehen zu lassen.
Bild: Coloplast
Manchmal braucht es nicht viele Worte: Eine achtsame Berührung kann Nähe vermitteln, Vertrauen stärken und zu einem wertvollen Mikro-Moment im Pflegealltag werden.
Bild: Coloplast
Echte Resonanz ist nie einseitig
Der Soziologe Hartmut Rosa hat mit seinem 2016 erschienenen Buch „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“ einen Meilenstein zu diesem Thema gesetzt. Nicht zuletzt in der Kranken- und Altenpflege, aber auch in der Heilpädagogik hat seine Arbeit viel Nachhall gefunden. Rosa betrachtet Beschleunigung und dadurch Entfremdung als akutes Problem unserer Gesellschaft und bietet „Resonanz“ als mögliche Lösung an, um unsere Beziehung zur Welt zu heilen und zu einem guten Leben zu finden. Resonanz beschreibt er als eine Beziehung des Hörens und Antwortens auf Menschen, die Natur, ein Buch, ein Musikstück oder eine Tätigkeit. Er definiert vier Merkmale für eine Resonanzbeziehung: die Anrufung (Affizierbarkeit), indem wir uns von einem Gegenüber – sei es ein Mensch, die Natur oder ein Kunstwerk – emotional ansprechen und berühren lassen; die Selbstwirksamkeit (Emotion), wenn wir mit unserer eigenen „Stimme“ oder Reaktion auf diesen Reiz reagieren; die Anverwandlung (Transformation), denn echte Resonanz ist nie einseitig, vielmehr verändern sich beide Seiten durch die Begegnung; und schließlich die Unverfügbarkeit, denn Resonanz lässt sich nicht planen, erzwingen oder garantieren.
Resonanzbeziehung zur Welt
Vor allem der letzte Punkt, die Unverfügbarkeit, liegt geradezu quer zu einer Zeit, in der Online-Shopping mit Premiumversand, Lieferdienste aller Art und Streaming rund um die Uhr suggerieren, dass dem Menschen alles jederzeit zur Verfügung steht. Der professionelle Alltag in der Pflege ist ein Spiegelbild dieser Zeit, auch hier: zu viel und vieles zu schnell. Was da leicht auf der Strecke bleibt, ist diese Resonanzbeziehung zur Welt und damit zu den anvertrauten Patienten und Bewohnern. „Pflegefachpersonen benötigen Zeit, professionelle Autonomie und Handlungsspielräume, um sich situativ und responsiv auf zu pflegende Menschen einlassen zu können“, unterstreicht Diane Kohn, „dadurch entsteht zwar keine Garantie für Resonanz, wohl aber ein Resonanzraum, in dem ein lebendiges Antwortverhältnis überhaupt möglich werden kann. In meiner Untersuchung zeigte sich, dass dort, wo echte Beziehung zu den zu pflegenden Menschen entstehen konnte, auch Resonanzerfahrungen beschrieben wurden.“
Eine tiefgehende Verbindung
Solche Situationen sind Win-win-Situationen für Gebende und Empfangende in einer Pflegesituation. „Diese Resonanzmomente entstehen nicht allein durch die Pflegefachperson, sondern ebenso durch zu pflegende Menschen, die sich auf die Beziehung einlassen und mit ihrer eigenen Stimme antworten“, betont Diane Kohn. „Gerade diese Mikro-Momente tragen viele Pflegefachpersonen durch ihren Berufsalltag und sind häufig der Grund, warum sie ihren Beruf trotz aller Widrigkeiten mit großer Überzeugung ausüben.“ In seinen Ausführungen hebt Hartmut Rosa auch hervor, dass unsere Beziehung zur Welt im Kern immer eine leibliche ist, der Körper fungiert als eine Art Empfangs- und Klangkörper. Solchen Erfahrungen begegnete Diane Kohn auch in ihren Befragungen: „Resonanz manifestierte sich in den Schilderungen als expressiver Moment des leiblichen Berührtwerdens. Die Befragten beschrieben ganz konkrete physische Reaktionen wie plötzliche Gänsehaut, Tränen der Rührung, ein spürbares Wärmeempfinden oder ein Gefühl massiv gesteigerter Energie, wenn eine tiefgehende Verbindung zum zu pflegenden Menschen gelang. Diese körperlichen Reaktionen verstehe ich als Ausdruck beziehungsweise leibliches Erleben von Resonanzerfahrungen.“
3 Fragen an Diane Kohn
Diane Kohn ist Lehrerin an der Health Care Academy in Hamburg. In ihrer Masterarbeit hat sie sich mit „Resonanz in der Pflege“ beschäftigt.
„Resonanz in der pflegeberuflichen Praxis ist die umfassende, Sinn stiftende Erfahrung, die spürbar macht, dass pflegerisches Handeln eine wirksame und lebendige Antwort in der Welt hinterlässt.“
Diane Kohn, MA Medizinpädagogik (Bereich Pflege), Lehrerin an der Schule für Gesundheits- und Krankenpflege Hamburg GmbH/Health Care Academy
Bild: privat
Collegial: Woran kann man Resonanz erkennen?
Diane Kohn: Pflegefachpersonen begleiten auch Menschen, deren Möglichkeiten der verbalen Kommunikation aus ganz unterschiedlichen Gründen eingeschränkt oder zeitweise gar nicht vorhanden sein können. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass Resonanz oder ein resonantes Antwortverhältnis ausgeschlossen wäre. Eine „eigene Stimme“ zu haben, bedeutet keineswegs, sich ausschließlich über gesprochene Sprache auszudrücken. Gerade wenn verbale Sprache in den Hintergrund tritt, wird die leibliche Dimension des Antwortverhältnisses besonders bedeutsam. Eine feinfühlige Berührung, ein erwiderter Blick, eine Veränderung der Atmung oder ein flüchtiges Lächeln können Ausdruck einer lebendigen Antwortbeziehung sein.
Collegial: Sind Pflegekräfte besonders zugänglich für Resonanzerfahrungen?
Diane Kohn: Die von mir interviewten Pflegefachpersonen beschrieben eine ausgeprägte intrinsische Motivation. Aus meiner Sicht bildet genau diese innere Motivation eine wichtige Voraussetzung für Resonanz, weil sie die Bereitschaft ausdrückt, sich auf den zu pflegenden Menschen einzulassen und sich von der Begegnung auch selbst berühren zu lassen. Die in meiner Untersuchung beschriebenen Resonanzerfahrungen waren häufig dadurch gekennzeichnet, dass Pflegefachpersonen erlebten, wie ihr professionelles Handeln beim zu pflegenden Menschen eine Antwort fand – etwa, wenn nach längerer Immobilität erste selbstständige Bewegungen wieder möglich wurden. Solche Begegnungen wurden häufig als Momente tiefer beruflicher Selbstwirksamkeit und persönlicher Bedeutsamkeit beschrieben.
Collegial: Kann man Resonanz willentlich aufbauen, um den stressigen Alltag zu meistern?
Diane Kohn: Nein, Resonanz ist kein Mittel, das man nach Bedarf einsetzen kann. Pflegefachpersonen tragen Verantwortung, verfügen über fachliche Expertise und treffen professionelle Entscheidungen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Resonanz einseitig gesteuert oder gar erzwungen werden könnte. Im Gegenteil: Wenn wir im durchgetakteten Stations- oder Tourenalltag versuchen, Resonanz als eine Art Pflichtaufgabe oder „Leistungsposition“ abzuarbeiten, verdinglicht die Begegnung augenblicklich zu einer reinen Funktion. Wir können Resonanz also nicht erzwingen, aber wir können in der pflegerischen Praxis die Bedingungen dafür schaffen, dass sie sich ereignen kann.
Literatur zum Thema
Erscheinungszeitpunkt: August 2026
Redaktion: mk Medienmanufaktur GmbH
