Lange hat sich die Medizin am „Modell Mann“ orientiert. Dabei gelten für Symptome und Behandlung vielmals geschlechtsspezifische Unterschiede. In Collegial beschreibt Facharzt Professor Dr. Burkhard Sievers, worauf es ankommt.

„Es ist ein komplexes Thema, aber es kann Leben retten“, sagt Professor Dr. Burkhard Sievers, Internist, Kardiologe, Angiologe und Gendermediziner. Die Rede ist von geschlechtsspezifischer Medizin, die in Deutschland erst langsam an Bedeutung gewinnt. Sievers setzt sich schon lange dafür ein, dass Männer nicht mehr als Maß für Diagnostik und Behandlung gelten. Erstmals begegnete ihm das Thema in den USA, wo Gendermedizin bereits seit den 90er-Jahren erforscht und angewendet wird, und es ließ ihn nicht mehr los. So etablierte der ehemalige Klinik-Chefarzt das deutschlandweit erste Gender-Herzzentrum. Auch in seinen Facharztpraxen, die er nach Stationen im In- und Ausland in Nordrhein-Westfalen gegründet hat, spielen geschlechtsspezifische Gesichtspunkte im Umgang mit Patienten eine wichtige Rolle.

„Die Gendermedizin beschäftigt sich mit dem biologischen Geschlecht und den sozialen Komponenten. Es greift alles ineinander.“

Professor Dr. Burkhard Sievers, Internist, Kardiologe, Angiologe und Gendermediziner, ist Mitinhaber der Praxen Cardiomed24 und Mitglied sowie ehemaliges Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin e. V. (DGesGM). Er hat auch ein Buch zum Thema Gendermedizin veröffentlicht.

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Falsche Diagnose, verzögerte Behandlung

„Es gibt erhebliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern“, begründet Professor Sievers sein Ansinnen. Wesentlich seien zwei Faktoren: „Beschwerden werden anders wahrgenommen, dadurch oft fehlgedeutet und nicht frühzeitig oder zunächst falsch behandelt.“ Der zweite Punkt betrifft die auf Männer zugeschnittene Medikamentendosierung. In der Folge werden Frauen und diverse Personen, für die noch weniger Forschungsergebnisse vorliegen, nicht immer leitliniengerecht behandelt. Ursache hierfür sind Studiendesigns und Körperbau. So lag die Beteiligung von Frauen an Medikamentenstudien lange bei höchstens 30 Prozent. Dieser Anteil sei zwar in den letzten Jahren deutlich gestiegen, sagt Sievers. Er kritisiert jedoch, dass weiterhin wichtige hormonelle Phasen insbesondere vor und nach den Wechseljahren im Studiendesign nicht ausreichend berücksichtigt würden. Sie verursachen bei Frauen erhebliche Schwankungen des Östrogenspiegels, was die Ergebnisse verwässern könne. All das habe Auswirkungen auf die Medikamentendosierung, die für Frauen laut Sievers oft 30 bis 50 Prozent zu hoch sei. Denn Hormone greifen in Stoffwechselprozesse ein, Wirkstoffe werden im Körper zum Teil langsamer abgebaut, was zu Unterschieden in der Konzentration, Wirkung und Wirkdauer zwischen Frauen und Männern führt. Weitere Gründe: ein meist niedrigeres Körpergewicht, die durchschnittlich geringere Organgröße, unterschiedlicher Muskel- und Fettanteil sowie Unterschiede in der Funktionsleistung von Leber und Nieren. All dies beeinflusst Wirkdauer und Wirkspiegel und kann zu stärkeren und häufigeren Nebenwirkungen führen – sie sind bei Frauen etwa 30 Prozent häufiger als bei Männern.

Beipackzettel anpassen

Abhilfe könnte nach Ansicht des Gendermediziners die grobe Aufteilung weiblicher Studienteilnehmerinnen in mindestens zwei Altersgruppen bringen, zum Beispiel vor dem 45. und nach dem 60. Lebensjahr. Diese Unterteilung würde die Frauen vor den Wechseljahren mit hohem Östrogenspiegel und diejenigen nach den Wechseljahren mit sehr niedrigem Östrogenspiegel berücksichtigen. Außerdem müsste das Studiendesign so gewählt werden, dass auch unterschiedliche Dosierungen getestet werden, sowohl zwischen Frauen und Männern als auch in der Gruppe der Frauen in den beiden Altersgruppen, vor und nach der Menopause. Diese Unterteilung müsste ebenso in den Beipackzettel einfließen wie die Dosierung für Kinder, Jugendliche, Schwangere oder Stillende, Patienten mit niedrigem Körpergewicht, Nieren- oder Leberfunktionsstörungen. Eine geschlechterspezifische Dosierung der Medikamente könnte die relativ häufigen Nebenwirkungen bei Frauen reduzieren, die oftmals mit unnötig hohen Medikamentendosierungen behandelt werden. 

Das Ziel der geschlechtsspezifischen Medizin: die Qualität der Gesundheitsversorgung zu optimieren.

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Frauen wiegen im Schnitt zehn Kilo weniger und haben kleinere Organe als Männer. Das hat Auswirkungen auf die Wirkung von Medikamenten.  
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Selbst vor künstlicher Intelligenz1 macht das Problem keinen Halt: Werden KIs mit Daten trainiert, die genderspezifische Unterschiede vernachlässigen, wirkt sich das auf die Qualität der Diagnose aus.

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Gendermedizin: kurz erklärt

Die geschlechtsspezifische Medizin, auch Gendermedizin genannt, beschäftigt sich mit dem Einfluss von biologischen sowie soziokulturellen Geschlechteraspekten auf die Prävention, Entstehung, Diagnose, Therapie und Erforschung von Erkrankungen. Ihr Ziel ist es, die Qualität der Gesundheitsversorgung zu optimieren.

 

Quelle: Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestags

Symptome werden unterschiedlich gedeutet

Doch selbst wenn viele Ärzte bereits jetzt nach eigenen Erfahrungswerten die Medikamentengabe an Frauenkörper anpassen, bleibt das Phänomen der unterschiedlichen Wahrnehmung von Krankheitssymptomen. Das bekannteste Beispiel ist der Herzinfarkt. Während Männer über (ausstrahlende) Schmerzen in der linken Brust klagen, macht sich ein Herzinfarkt bei Frauen beispielsweise häufig über Schmerzen im Oberbauch oder zwischen den Schulterblättern, durch Luftnot oder Übelkeit bemerkbar. In der Notaufnahme werden sie entsprechend häufig in die Orthopädie oder Gastroenterologie überwiesen. EKG, spezielle Herzlaborwerte   oder Ultraschall des Herzens erfolgen zu spät.

In verschiedene Richtungen denken

Ärzten und Pflegekräften empfiehlt Sievers, bei allen Erkrankungen immer auch an mögliche geschlechtsuntypische Unterschiede in der Symptomatik und im Krankheitsverlauf zu denken. Als Beispiel nennt er Multiple Sklerose, die wie die meisten Autoimmun- und Schilddrüsenerkrankungen etwa bei Frauen häufiger vorkommt. Bei Männern würden erste Symptome seltener als MS erkannt. Dies gilt ebenso für Depressionen und Essstörungen. Ähnlich bei Blasen- und Stuhlinkontinenz – auch Männer seien gut beraten, Beckenboden und Schließmuskel zu trainieren, sagt Sievers.

Funktionelle Darmerkrankungen treten häufiger bei Frauen auf, Tumorerkrankungen wie Darmkrebs prinzipiell eher bei Männern, was größtenteils an der Genetik und am Östrogenhaushalt liege und Frauen – allerdings nur bis zu den Wechseljahren – einen größeren Schutz biete. Auch das Osteoporoserisiko sei im Alter gleich hoch, werde bei Männern aber seltener vermutet und unterschätzt; ebenso wie Brustkrebserkrankungen, von denen jede 100. einen Mann treffe.

Fachgesellschaft fördert Forschung

Die Deutsche Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin e. V. (DGesGM) unterstützt die Forschung und Kommunikation im Bereich Gendermedizin. Ihr Ziel: Unterschiede und Gemeinsamkeiten, Präventions- und Therapiemaßnahmen in die Praxis zu übertragen sowie Öffentlichkeit, Politik, Behörden und Einrichtungen der Gesundheitsversorgung für das Thema zu sensibilisieren.

Zuhören und ernst nehmen

Einer der Hauptgründe für eine schlechte und verzögerte Behandlung von Frauen liegt darin, dass sie zum einen nicht zeitgerecht von Beschwerden, Symptomen und Krankheiten berichten, zum anderen die Symptome oft chamäleonartig sind und auch vom behandelnden Arzt nicht richtig eingeordnet werden. Von fehlerhafter Diagnose sind aber alle Geschlechter betroffen. Sievers fordert daher eine Integration der Gendermedizin in die Aus- und Weiterbildung von medizinischen Fachberufen und Ärzten sowie die Überarbeitung der Leitlinien und appelliert: „Informationen über geschlechtsspezifische Medizin müssen mehr Aufmerksamkeit erhalten.“ Auch die Aufklärung der Bevölkerung gehöre dazu – je informierter Patienten sind, desto besser das Behandlungsergebnis. Medizinischen Fachkräften spricht er dabei eine wesentliche Funktion zu: „Sie haben meist einen guten und engen Kontakt zu den Patienten, die ihnen von ihren Beschwerden erzählen.“ Als Bindeglied zum Arzt hätten sie eine wertvolle Vermittlungsaufgabe – damit Früherkennung direkt zur richtigen Therapie führt und Leben retten kann.

Erscheinungszeitpunkt: Mai 2026
Redaktion: mk Medienmanufaktur GmbH