Die optimale Wundversorgung darf nicht am Wundrand enden, sondern sollte den gesamten Menschen in den Heilungsprozess miteinbeziehen, sagt Gabi Weigold. Im Interview erläutert die erfahrene Wundmanagerin die Hintergründe.

Collegial: Frau Weigold, Sie sind seit nunmehr 25 Jahren in der Wundversorgung tätig. Wie hat sich die Versorgung in diesem Zeitraum verändert?

Gabi Weigold: In den vergangenen Jahrzehnten haben sich Produktvielfalt und Leistungsfähigkeit der Versorgung deutlich erhöht, allein durch neue Materialien wie die heutigen Superabsorber. Nichtsdestotrotz suchen viele Versorger nach dem einen allumfassenden Lösungsprodukt. Das gibt es aber nun mal nicht. Deshalb muss aus meiner Sicht der ganzheitliche Ansatz stärker in den Mittelpunkt rücken: mit einer individuellen Betrachtung des Patienten, die nicht an der Wunde endet. Vielmehr müssen auch Wundrand und Umgebung beurteilt werden, ebenso Bewegungsverhalten, Ernährung und die Gesamtsituation des Patienten. Nur so lässt sich optimal versorgen und bestmöglich heilen.

Collegial: Welche konkreten Herausforderungen nehmen Sie in der Praxis wahr?

Gabi Weigold: Ein wichtiger Punkt ist, dass immer mehr Angehörige in die Wundversorgung einbezogen werden, die wiederum entsprechend angeleitet werden müssen. Hinzu kommen Wirtschaftlichkeit und Effizienz. Oft fragt mich der Pflegedienst, was er in der vorgegebenen Zeit und bei dem festgelegten Honorar eigentlich alles leisten soll und kann. Häufig kommt daher die Wundreinigung zu kurz, die aber exorbitant wichtig ist. Eine weitere Herausforderung ist die Wahl des passenden Produkts – eines, das nicht festklebt, atraumatische Verbandswechsel ermöglicht, Exsudat zuverlässig aufnimmt und die Wunde zugleich unter Kompression hält.

Collegial: Welche Rolle spielen Kommunikation und Adhärenz?

Gabi Weigold: Der direkte Kontakt zum Patienten und die Klärung des Therapieziels sind absolut entscheidend. Es hilft nichts, wenn Versorger und Patient unterschiedliche Ziele verfolgen. Wenn ein Patient etwa gar nicht möchte, dass die Wunde heilt, weil der Pflegedienst sein einziger sozialer Kontakt ist, muss die Therapie überdacht werden. Hier spielt die Adhärenz eine große Rolle. Wichtig ist, dass deutlich wird: Wir gehen den Weg gemeinsam. Ich sage immer, die Mitarbeit und das Verständnis des Patienten sind nur so gut wie die Anleitung und Begleitung durch den Versorger. Gelingt es, den Patienten im Sinne des ganzheitlichen Ansatzes mitzunehmen, steigen die Erfolgsaussichten deutlich.

Collegial: Bei welcher Art von Wunden ist die adäquate Versorgung besonders wichtig, worauf kommt es dabei in der Praxis an?

Gabi Weigold: Ich habe häufig mit exsudierenden Tumorwunden zu tun. Hier setze ich geeignete Wundauflagen ein, die die Exsudatmenge zuverlässig aufnehmen und zugleich die Geruchsentwicklung reduzieren, die für viele Patienten eine starke Belastung darstellt. Ebenso wichtig sind atraumatische Verbandswechsel. Wenn jedoch die Wundauflage verklebt, kann das bei Tumorwunden zu starken Blutungen führen. Und wenn bei den Wunden auch Spannungsschmerzen auftreten, können kühlende Kompressen helfen. Diese nehmen nach ein bis zwei Stunden Einwirkzeit den Druck und entlasten den gesamten Bereich.

„Nur wenn die Gesamtsituation des Patienten betrachtet wird, lässt sich optimal versorgen und bestmöglich heilen.“

Gabi Weigold ist examinierte Krankenschwester und Fachtherapeutin Wunde mit umfassender Expertise in der modernen Wundversorgung. Seit rund 25 Jahren betreut sie Patientinnen und Patienten mit akuten und chronischen Wunden, erstellt individuelle Behandlungskonzepte und arbeitet eng mit Ärzten, Pflegediensten und Einrichtungen zusammen. Darüber hinaus führt sie Schulungen und Fortbildungen für Pflegefachkräfte und medizinisches Personal durch und vermittelt praxisnah aktuelles Fachwissen zur Wundversorgung.
Bild: Privat

 

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Erscheinungszeitpunkt: August 2026
Redaktion: mk Medienmanufaktur GmbH